Närrische One-Woman-Show


-Von Ingeborg Röthemeyer-


REUTLINGEN. Ein Traum in Tüll – himmelblau, mit Hunderten von Glitzersteinchen. Lange goldblonde Locken, ein liebliches Lächeln, ein huldvolles Winken. Glamourös schwebte Prinzessin Paulin I. zur Huschenburg in den Saal. Am Arm des Vorsitzenden vom Männerverein Michael Frank in seiner schmucken schwarzen, mit Orden übersäten Vorstandsuniform, umringt von Elferräten, Clowns und Garden. Ein festliches buntes Bild in der Tanzschule »Tanzen und Spaß« – mit einem kleinen Makel: Da war gar kein Prinz.


 
Ihre Lieblichkeit Paulin I. muss einstweilen ohne ihren Prinzen auskommen.
 FOTO: Markus Niethammer


Als Inthronisation des Prinzenpaares angekündigt, wurde die Auftaktveranstaltung der Fastnachts-Session 2014/15 zu einer überraschenden »One-Woman-Show«. Erst am Morgen beim Staubsaugen habe sie erfahren, dass Prinz Andreas III. von der Rossburg sich ins Krankenhaus begeben hatte, verriet Paulin I. enttäuscht. Im Alleingang übernahm die bezaubernde Prinzessin dann die Insignien der närrischen Macht von ihrer Vorgängerin. Von Frau zu Frau gewissermaßen, denn auch der letztjährige Prinz glänzte durch Abwesenheit.
Auf dem Wasen entdeckt
Mit kräftiger Stimme wünschte die frisch gekürte Prinzessin sogleich dem überschaubaren Narrenpublikum im stimmungsvoll beleuchteten Saal einen unterhaltsamen Abend. Selbstbewusstsein bewies Paulin I. auch bereits bei der Wahl ihres schulterfreien Traumkleides. Die traditionellen Farben rot und weiß hatte die gelernte Textildesignerin kurzerhand in die Mottenkiste verbannt. Denn: »Das Blau passt besser zu meinem Typ,« befand die derzeitige Studentin an der Hochschule Reutlingen kurz und bündig. Mit Fasching hatte sie bisher gar nichts am Hut, bis sie beim Cannstatter Wasen, wo sie an einer Pilsbar jobbte, vom »Prinzessinnen-Scout« der 1. Reutlinger Karneval-Gesellschaft Ralph Keck entdeckt und für das Amt mit Glamourfaktor gewonnen wurde. Nun freue sie sich bei einer Fülle von fast 60 Veranstaltungen besonders auf die Umzüge und das Bonbonschmeißen, strahlte Ihre Lieblichkeit. Und auch auf den Prinzen – irgendwann. Der grüßte mit einem recht abgeschwächten gedruckten »Achelau« aus dem Krankenbett. Seine Tollität tat der Presse auch schwarz auf weiß seine Proklamation kund. Von sieben programmatischen Paragrafen seien einige zukunftweisende Ideen erwähnt: eine Viehweide vor der Stadthalle »BS statt PS« (Bullenstärke statt Pferdestärke) sowie E-Bikes für Rathausmitarbeiter zur Feinstaubreduzierung und eine Magnetschwebebahn zwischen Reutlingen und dem Zwiefalter Getränkesponsor.
Hundert Aktive
»Wie ein Roter Faden« ziehe sich das Thema Abwesenheit durch diesen Abend, bedauerte Moderator Michael Frank. In einem kurzen Überblick skizzierte der Vorstandsvorsitzende die Situation des Vereins. 204 Mitglieder zähle er aktuell, davon etwa 100 Aktive. Der dezimierte Elferrat werde durch das 2013 gegründete Damen-Komitee ergänzt. In den drei Tanzgarden trainieren derzeit um die 15 Mädchen.

Highlights des Abends waren wieder die Gardemädchen. Mit Pepp machten die vier Kinder der blauen Garde den Anfang mit ihrer temporeichen Show. Konzentriert auf die variantenreiche Choreografie brachte die Rote Garde einen tollen Auftritt aufs Parkett. Der war nur noch zu toppen von der akrobatischen Darbietung der weißen Prinzengarde.

Humorvoll leitete der Vizepräsident des Landesverbandes Württembergischer Karnevalsvereine (LWK) Wolfgang Henes zur anschließenden Ordensverleihung über. Den Kranken ließ er einen kräftigen Applaus spenden, damit sie wieder gesund werden. Dem Reutlinger Männerverein machte er Mut: »Jeder Verein hat mal eine Durststrecke, aber dann geht’s auch wieder richtig los!« Ein charmantes Kompliment für die Prinzessin hatte der erfahrene Karnevalist parat: »Du bist granatenmäßig hübsch.« Spricht’s und hängt ihr den Goldenen Sternenorden des LWK um.

Ausgezeichnet mit dem Großkreuz des LWK wurden: Inge Griebling, Karola Richert und Jessica Stüve. Den Großen Verdienstorden des LWK bekam Peter Heffner. Um die 90 Jahresorden wurden vom Verein verliehen an verdiente Mitglieder, Funktionäre, Ehrengäste und Sponsoren sowie Abordnungen von befreundeten Narrenvereinen aus Betzingen und Leonberg mit Prinz Werner und Prinzessin Jasmin. Ein überraschendes Wiedersehen, denn beide waren früher schon als Prinz und Gardemädchen in der Reutlinger Fastnacht aktiv. (GEA Reutlingen, vom 01.12.2014)