Flüssige Buße und Narrensemester

Eningen. Da helfen auch zwei Fässle "flüssige Buße" nicht: Der Bundestagsabgeordnete Michael Donth wird gegautscht. Nur einer von vielen heiteren Höhepunkten bei der Prunkfestsitzung des Männervereins.

 

Die Achalmgautscher im Männerverein Reutlingen veranstalten ihr traditionelles Strafgericht und "gautschen" MdB Michael Donth, weil er junge Menschen per Austauschprogramm während der Fasnet in die USA geschickt hat. Fotos: Lara Diel

Auch außerhalb der Stadgrenzen lässt sich der Männerverein Reutlingen (MVR) nicht lumpen, wenn es ums Programm für die Prunkfestsitzung geht: Gut fünfeinhalb Stunden Show, Tanz und Musik halten mehr als 300 Zuschauer bis weit nach Mitternacht auf Trab.

Klar, dass das traditionelle Strafgericht der MVR-eigenen Narrenzunft "Achalmgautscher" auch diesmal nicht fehlen darf: CDU-Bundestagsabgeordneter Michael Donth, der die Grieshaber-Halle noch im vergangenen Jahr frohgemut mit dem Orden für Frohsinn und Geselligkeit verlassen durfte, ist unverhofft in närrische Ungnade gefallen, weil er junge Menschen mittels eines parlamentarischen Partnerprogramms in die USA schickt - und sie damit davon abhält, sich in der fünften Jahreszeit ins hiesige Brauchtum zu vertiefen. Auch wenn er gelobt, Jugendlichen künftig ein "Narrensemester" vorzuschlagen - erst nach elfmaligem Gautschen lassen die Schandele von ihm ab.

Am Ehrengäste-Tisch, an dem sich unter anderem CDU-Landtagsabgeordneter Dieter Hillebrand mit seiner Gattin, der CDU Stadträtin Elisabeth Hillebrand, FDP-Landtagskandidatin Wiebke Steinhilber und ihr Vater, FDP-Stadtrat Knut Hochleitner niedergelassen haben, brandet schadenfroher Applaus auf. Aber die Tortur ist schnell vergessen, denn schließlich gilt es ja noch, den diesjährigen Orden für Frohsinn und Geselligkeit zu verleihen. Den bekommt der Pfullinger Dekan Hermann Friedl - völlig zu Recht, wie er erfreut bekundet: "Katholiken sind ein lustiges Völkle."

Von den "Bronnweiler Weibern" bekommt der Geistliche dennoch sein Fett ab: "Ausstaffiert wie a Festochs" sei er, der arme Kerl, lästern Friedel und Mary. Ihre spitzzüngige tour d'horizon durchs landes- und kommunalpolitische Themenspektrum von der Landtagswahl über die Stadtkreisgründung bis zur Regionalstadtbahn, garniert mit tiefsinnigen Erkenntnissen über Mitbürger aus der Landeshauptstadt - "liaber a Schneck im Salad als an Schduargerder im Hof" - und deftigen Trinksprüchen - "fällt das Gebiss dir in die Suppe, ist den anderen das Essen schnuppe" - kommt bei den Zuschauern bestens an.

Das gilt auch für die Programmpunkte, die befreundete Karnevals- und Fasnetsgesellschaften beisteuern. Allerliebst anzusehen sind etwa die "Kobolde vom silbernen Mehlstaub" von der Leinfelden-Echterdinger Gesellschaft "die Filderer", die die Bühne erst nach mehreren getanzten Zugaben verlassen dürfen.

Das "singende Stadt-Prinzenpaar" der Stuttgarter Gesellschaft Möbelwagen bringt das Publikum mit angesagten Schlagern in Tanzlaune, während die Nachwuchsnarren der Rechberghausener "Furchenrutscher" mit ihrem Showtanz auf Punk, Rock und Schlager setzen. Selber ordentlich die Hüften schwingen dürfen die Besucher zu den schrägen Tönen der Ditzinger Guggenmusik "Los Titzos", während die atemberaubenden Hebefiguren des "Möbelwagen"-Tanzpaars Marco und Madeleine nicht zur Nachahmung empfohlen sind.

Die beiden Tänzer, weiß Sitzungspräsident Ralph Keck zu berichten, hatten bei der MVR-Prunksitzung im vergangenen Jahr ihren allerersten Auftritt - und seither eine steile Karnevalskarriere. Für erleuchtete Momente sorgen die "Leuchtstabmajoretten" des Sulzbacher Karnevalsvereins, die Kuchener Karnevalsgesellschaft "G'sälzhafhausen" hat für die befreundeten Reutlinger Narren den Showtanz der "Sexy Army Girls" im Gepäck.

So viel geballter Narren-Power hat der MVR aber auch selbst einiges entgegenzusetzen. Die Auftritte der Kinder-, der Roten und der Prinzengarde sind aus dem Programm nicht mehr wegzudenken. Playbackshow und "Närrisches Blasorchester" der MVR-Aktiven runden den abwechslungsreichen Abend ab. (SWP vom 25.01.2016)